3. Lektion – Der Held der Geschichte

Lernen am Modell

Vor ein paar Wochen erzählte Marie meiner Frau Denise und mir eine Anekdote von ihrem Sohn Lukas. Er besucht seit ein paar Wochen die Grundschule und fing schnell an, Freundschaften zu schließen – Lukas ist ein sehr aufgeschlossener und freundlicher Junge mit einem ansteckenden Lächeln und dem Schalk im Nacken. Sehr wahrscheinlich kennst du Kinder wie ihn, denen man einfach nicht böse sein kann, weil sie so charmante Lausbuben sind?

Vor einigen Tagen kam er nach Hause und stritt sich mit seinem größeren Bruder Tom um ein Spielzeug. Der eine wollte es haben und der andere wollte es nicht hergeben. Es kam zu einer harmlosen Herumschubserei und einem Wortgefecht.

Marie hörte von der Küche aus zu und dachte sich: „So sind Jungs eben. Die vertragen sich auch wieder.“

Aber dann musste sie schlucken.

Lukas beschimpfte seinen Bruder Tom mit einem sehr deftigen Schimpfwort. (So deftig, dass ich es hier nicht wiedergeben möchte).

Marie stapfte ins Kinderzimmer und nahm sich Lukas vor.

„Von wem hast du dieses Wort?!“, zichte sie ihn an.

„Von Leon.“, antwortete Lukas. „Alle Kinder sagen das aber.“

Aus welchem Grund übernehmen Kinder von anderen Kindern Schimpfwörter, Eigenarten und sonstiges?

Lukas hatte sich mitreißen lassen. Er hatte sich eine „neue Marotte angeeignet“, würde meine Mutter jetzt sagen.

Die Leons dieser Welt kennst du vermutlich auch. Entweder aus deiner eigenen Kindheit oder von deinen Kindern. Der Grund dafür ist ein erstaunlich einfacher und überlebenswichtiger: Kinder (und Erwachsene) orientieren sich an Vorbildern und schauen sich deren Verhalten ab – sie lernen am Model.

Albert Bandura, ein kanadischer Psychologe, veröffentlichte in den frühen 60er-Jahren seine Theorie zum so genannten „Modelllernen“. Diese Theorie ist über die Jahre nicht abgenutzt, sondern immer wieder bestätigt worden.

Banduras Theorie besagt, dass – in unserem Fall – Lukas eine Modellhandlung gesehen hat. Er hörte Leon ein neues Schimpfwort sagen. Die Reaktionen darauf aus der Umwelt waren verführerisch: Die anderen Kindern machten große Augen und bewunderten Leon für seinen Mut und die Erwachsenen waren sichtlich empört. Letzteres ist übrigens ziemlich reizvoll für Kinder.

Wenn das Verhalten von Leon für ihn selber erfolgreich war – das war es in diesem Fall – dann ist es wahrscheinlich, dass sich andere Kinder dieses Verhalten abschauen: Sie werden das Schimpfwort ab sofort auch in ihr Repertoire nehmen.

Leon war der erste, der mutig genug war, dieses Verhalten zu zeigen. Es wurde abgeschaut und Leon war für ein paar Minuten der Held des Klassenzimmers. Zumindest aus der Sicht der Kinder – aus der Sicht der Lehrer war er vermutlich nur ein Rotzlöffel.

Was macht einen Helden aus?

Wenn wir das Wort Held definieren müssen, dann entsteht vor unserem geistigen Auge oft ein bestimmtes Bild: Ein Superheld. Ein Mann oder eine Frau mit besonderen, übermenschlichen Fähigkeiten, in der Lage die Welt zu retten oder gar das gesamte Universum.

Wenn man mich vor einigen Jahren nach einer Heldendefinition gefragt hat, dann schoss aus mir immer das Wort: „Batman“.

Zum einen bin ich ein großer Fan der Comicreihe, aber auch, weil er ein normaler Mensch ist – ohne Superkräfte. Er hat nur die Kohle für eine Menge cooler Gadgets und mit der Ermordung seiner Eltern die ultimative Motivation, um für das Gute zu kämpfen.

Aber auch der größte Superheld hat einen wundern Punkt. Alles andere wäre auch langweilig. Stell dir mal einen Comic vor, in dem der Held immer mit Leichtigkeit gewinnt. Ein Comic, bei dem du schon beim Auftauchen des Widersachers weißt, dass er nicht den Hauch einer Chance hat. Das ist vielleicht einmal lustig oder spannend, aber auf Dauer sehr eintönig. Ich bezweifle, dass ein solcher Comic jemals verfilmt werden würde.

Das erste Charakteristikum von Helden ist ihre Schwäche. Ihre Menschlichkeit. Ihre persönlichen wunden Punkte.

Selbst Superman, der wohl der die beeindruckensten Fähigkeiten im Comic-Universum hat, besitzt gleich mehrere Schwächen. Zum einen schwinden seine Kräfte bei Kontakt mit Kryptonit und zum anderen ist seine heimliche Liebe Lois Lane ständig in Gefahr und Ziel von Bösewichten.

Superhelden im Storytelling?

Sollten denn Superhelden eine Zutat für Business-Storytelling für Blogger oder Podcaster sein? Nein, nicht unbedingt.

Zwar kann das funktionieren, wenn die Story gut geschrieben ist, aber in der Regel brauchen wir eine andere Art von Held.

Die Frage ist nur, wo finden wir die?

Wenn du ein ähnlich großer Film- und Serienfan bist wie ich, dann hast du schon ein paar Helden gesehen, die im ersten Moment nicht der Helden-Definition von oben entsprechen.

Ist Frodo aus „Der Herr der Ringe“, der den „einen Ring“ nach Mordor bringen muss, ein Held? Ja, ein unfreiwilliger Held, der so ziemlich das Gegenteil eines Superhelden ist. Ein kleiner Hobbit, der einem Menschen vielleicht bis zur Hüfte reicht und noch nie ein Schwert oder eine andere Waffe in Händen hielt. Er wächst allerdings im Laufe der Geschichte über sich hinaus und schafft das Undenkbare: Er rettet Mittelerde.

Das ist ein weiterer Bestandteil eines Helden, den wir brauchen. Wir brauchen eine Person, die im Laufe der Story über sich hinaus wächst und ein Problem auf eine Weise löst, die für ihn neu ist.

Ein weiterer Held, den Leser und Hörer lieben, sind die Underdogs. Diejenigen, die man als Favoriten gar nicht auf dem Zettel hat. Wir lieben diese Art von Geschichten, denn sie zeigen uns, dass es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit noch eine Chance gibt – wie in „Rocky“ mit Sylvester Stallone. Ein Film, der ein absoluter Überraschungshit wurde und völlig zu recht mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Unter anderem mit dem Titel „Bester Film 1977“.

Rocky Balboa, gespielt von Stallone, verdient sich seine Brötchen im Armenviertel von Philadelphia als Geldeintreiber und Amateuerboxer in kleinen Hinterhofkämpfen. Als der amtierende Champion Apollo Creed einen Gegner sucht, der als Kanonenfutter für einen Schaukampf herhalten muss, wird Rocky ausgewählt. Rocky sieht seine Chance und gibt alles dafür, dass er am Kampftag eine gute Figur macht.

Creed ist überrascht, dass sein Gegner kein Fallobst ist – das hatte er erwartet. Er wird von Rocky mehr als einmal mächtig bedrängt und kann nicht das schnelle K.O. erzielen. Schlussendlich gewinnt Creed zwar nach Punkten, weil der Kampf wegen einer Platzwunde bei  seinem Gegner abgebrochen werden muss – das Publikum aber feiert Rocky als den eigentlichen Sieger des Kampfes.

Der Held am Reißbrett

Zusammengefasst können wir folgendes festhalten: Wir brauchen einen nahbaren und unperfekten Helden, der sich einem Problem stellt und im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen kann.

Über sich hinauswachsen? Es muss also kein typischer Blaupausen-Archetypen-Held sein? Nein, jeder hat das Zeug zum Helden, weil jeder von uns an bestimmten Punkten seines Lebens über sich hinauswachsen kann. Auch wenn er es bisher noch nicht wusste.

Und ich bin mir sicher, dass du in deinem Bekanntenkreis einen Menschen kennst, der genau in dieses Schema passt. Vielleicht hast du auch in deinem Kunden- und Klientenkreis Menschen, die Helden sind.

Eine Kollegin von mir, ist eine waschechte Heldin und diese Geschichte erzähle ich immer gerne. Warum ich das tue, verrate ich dir am Ende – in der Kernaussage der Geschichte!

„Ich komme aus dem Gesundheitswesen und arbeite noch zeitweise in einer Praxis für Physiotherapie und Ergotherapie. Meine Kollegin Sandra stand eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit im Stau. Stau an dieser Stelle ist recht ungewöhnlich, weil der Hauptstrom der Verkehrs in die entgegen gesetzte Richtung fließt. Vielleicht war es ein Unfall oder ein liegengebliebener Wagen, ich weiß es nicht mehr.

Jedenfalls erkannte sie, dass sie mindestens eine Dreiviertelstunde später beim ersten Hausbesuch sein würde. Die Minuten verrannen im Auto und Sandra wurde immer nervöser. Du kannst dir vermutlich sehr gut vorstellen, wie es sich anfühlt, mit Zeitdruck im Stau zu stehen. Der Sitz wird immer unbequemer, die Hände packen das Lenkrad immer fester und du fängst an, immer lauter zu fluchen.

Als sie schlussendlich beim ersten Patienten angekommen war – fast eine ganze Stunde und einige Nervenbündel später – ließ sie sich von der Rezeption die Telefonnummern der anderen Patienten geben. Sandra wollte den anderen Patienten bescheid geben, dass sie sich verspäten würde. Eine Patientin aber, hörte sich von der Stimme her aber vollkommen ungewohnt an.

Therapeuten haben in der Regel ein gutes Gespür für Veränderungen bei Menschen, ganz besonders, wenn man seine Patienten schon eine Weile begleitet.

Frau Rensing hörte sich komplett anders an. 

Sandra sagte: „Hallo Frau Rensing? Ich wollte Ihnen nur sagen, das ich heute morgen im Stau stand und mich eine Dreiviertelstunde verspäten werde.“

„Es ist gut, dass sie anrufen“, antwortete Frau Rensing schwach, „ich liege auf dem Boden.“

„Oh, mein Gott. Sind sie gestürzt?“, fragte Sandra.

Sie war gestürzt und dass ist bei dieser Patientin auch nichts ungewöhnliches. Sie wohnt alleine daheim und ist auf einen Rollator angewiesen. 

Sandra hatte aber ein komisches Bauchgefühl und fuhr direkt zu Frau Rensing, die eigentlich erst ein paar Stunden später im Plan stand.

Da lag Frau Rensing, gestürzt neben ihrem Rollator, in dessen Korb zum Glück das tragbare Telefon war. 

Sandra half ihr hoch und setzte sie auf einen Stuhl. Doch irgendwas war anders. Frau Rensing sprach langsamer, wirkte verwirrt und wollte aus unerklärlichen Gründen sich schnellstmöglich die Haare machen. Die Alarmglocken klingelten im Therapeutenkopf und Sandra rief einen Krankenwagen.

Als die Kollegen eintrafen, berichtete Sandra vom Auffinden der Patientin, dass sie scheinbar keine Brüche oder ähnliches hatte, aber vom Wesen her verändert sei. Die Sanitäter nahmen alles recht gelangweilt wirkend entgegen und nahmen Frau Rensing mit ins Krankenhaus.

Sandras Bauchgefühl meldete aber noch stundenlang Bedenken, ob das alles tatsächlich so reibungslos ablief, wie man meinen könnte. 

„Wieso hat sich der Sanitäter so um die Gelenke und dergleichen eingeschossen und schien meine Bedenken bzgl. ihrer Verwirrtheit nur abzunicken?“, fragte sie sich.

In der Pause rief sie den Sohn von Frau Rensing an, der in Düsseldorf als Arzt in einer Klinik arbeitet und bat ihn, mal nach seiner Mutter zu schauen. Sie sagte, sie würde sich Sorgen machen.

Am Nachmittag rief der Sohn von Frau Rensing dann in der Praxis an und erzählte das Unfassbare.

Die Sanitäter hielten Frau Rensing nur für eine ältere Frau, die zuhause gestürzt war und lieferten sie in die Orthopädie ein. Dort wurde nach Brüchen, Prellungen, etc. geschaut und mehr nicht. Natürlich fand man dort nichts. Frau Rensings Sohn erkannte die Wesensveränderung aber als er später eintraf und ließ nicht locker. Nicht solange bis man seine Mutter ins CT geschoben hat.

Und auf dem Computerbildschirm sah man es dann: Eine frische Hirnblutung. 

Diese Blutung war der Grund für den Sturz und die Wesensveränderung. Hätte Sandra nicht bei der Patientin angerufen, dann wären die Folgen undenkbar gewesen. Hätte sie nicht Kontakt mit dem Sohn aufgenommen, weil ihr Bauchgefühl mit dem Besenstil an ihren Kopf klopfte, dann wäre Frau Rensing vermutlich nachts in der Orthopädie an der Blutung gestorben oder hätte bleibende Schäden behalten.

Seitdem hat sie zuhause einen Notfallknopf, der direkt mit dem Roten Kreuz verbunden ist. Wenn etwas passiert, dann drückt sie ihn und sofort meldet sich jemand per Gegensprechanlage.

Bei allem Vertrauen in die Profis dieser Welt, sollte man auch auf sein Bauchgefühl hören. Die Sanitäter waren bestimmt nicht schlecht ausgebildet, aber sie hatten in diesem Moment eine falsche Diagnose erstellt. Das ist menschlich und kann passieren. Wenn dir in einem solchen Moment, wo du vor Profis stehst, das Bauchgefühl einen Wink mit dem Zaunpfahl geben – dann solltest du vielleicht drauf hören.“

Du siehst: Jeder kann ein Held sein. Eine Story mit Kernaussage braucht mindestens einen Menschen, der über sich hinaus wächst. Dieser Held kannst du sein. Dieser Held kann ich sein. Dieser Held kann ein Klient von dir sein.

Der Protagonist

Falls dir das Wort „Held“ nicht zusagt oder etwas zu sehr nach Ritter, Superhelden, Märchen oder Fabeln klingt, dann nimm ein anderes: Der Protagonist.

Das Wort „Protagonist“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt soviel wie: Die Hauptfigur

Wir Menschen fühlen uns zu Helden oder Protagonisten hingezogen, weil sie für uns einen bestimmten Job erfüllen. Sie zeigen uns, dass es möglich ist, über bestimmte Probleme oder Hindernisse hinweg zu kommen.

Auf ihrem Weg zu einer Lösung fiebern wir in Filmen, Hörspielen oder Aufführungen im Therater mit der Hauptfigur mit und wollen am Ende erleben, dass es ein Happy End gibt. Wir wollen am Ende wissen, dass alles gut werden kann. Wir wollen am Ende das ganz tief in uns liegendes Bedürfnis nach einer heilen Welt befriedigt wissen.

Und da schließt sich der Kreis mit dem Modelllernen nach Albert Bandura am Anfang dieses Kapitels.

Der Held, bzw. der Protagonist in unserer Erzählung hat – stilistisch betrachtet – zwei Aufgaben: Er soll so greifbar sein, dass sich der Hörer oder Leser mit ihm identifizieren kann und er soll am Ende der Geschichte zu einer Lösung gelangen, die auch für andere umsetzbar ist. Eine Lösung, die jemand anderes herausgefunden hat.

Der Protagonist ist der Stellvertreter für deine Zielgruppe.

Genau das ist die Aufgabe von Storytelling im Content-Marketing. Eine gute Story mit einem Helden, der einen Weg findet, ein Problem zu lösen, ist das beste Mittel um das Leben der Leser oder Hörer zu verbessern.

Inhalte, die die Probleme der Leser lösen, werden geteilt. Die Geschichte wird bekannter und so wird auch dein Blog bekannter. Analog gilt die natürlich auch für deinen Podcast.

Wie du deinen Helden stilistisch in Szene setzt, wirst du etwas später in diesem Buch kennenlernen.

Was ist deine Aufgabe?

Auch wenn du noch am Anfang deiner Storytelling-Karriere stehst, darfst du jetzt ein wenig experimentieren. Lass in deinem nächsten Blogartikel oder Podcast eine Person auftauchen, die mit einem Problem konfrontiert ist und am Ende zu einer umsetzbaren Lösung kommt.

Wie gesagt: Der stilistische Teil kommt später noch sehr ausführlich.

Wenn du erste Entwürfe oder fertige Artikel zeigen möchtest, dann nutze sehr gerne das Forum bei Facebook dafür.

Viel Spaß dabei,

dein Gordon Schönwälder

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